Konstruktiver Holzschutz ca. 7 Min. Lesezeit

LESS — Vier Buchstaben, die über die Lebensdauer
Ihrer Holzbrücke entscheiden

In vielen Gemeinden, Naturparks und Forstgebieten gehören Holzbrücken seit Jahrzehnten zum Landschaftsbild. Sie verbinden Wanderwege, überqueren Bäche und prägen den Charakter ganzer Erholungsgebiete. Doch was passiert, wenn niemand regelmäßig nach dem Zustand dieser Bauwerke sieht? Schäden, die mit einfachen Maßnahmen vermeidbar gewesen wären, führen zu aufwendigen Sanierungen oder sogar zum vollständigen Verlust der Konstruktion.

Robert Große
Robert Große Zimmermeister · Restaurator im Handwerk · ö.b.u.v. Sachverständiger für Holzschutz & Holzschäden (IHK Hannover)

Ein Praxisfall aus dem Heidekreis

Im niedersächsischen Heidekreis steht eine Fußgängerbrücke, die in den 1970er Jahren errichtet wurde. Es handelt sich um eine Trogbrücke mit Brettschichtholzträgern (BSH) als Primärträger und einer Reetdach-Überbauung im Mittelteil. Auf den ersten Blick ein solides Bauwerk — doch bei näherer Untersuchung zeigte sich ein deutlich anderes Bild.

An mehreren Stellen befand sich das Holz bereits in der finalen Abbauphase. Sowohl Weißfäule als auch Braunfäule — beides Nassfäulearten — hatten die Konstruktion über Jahre hinweg geschädigt. Die Tragfähigkeit war an den betroffenen Stellen nicht mehr gegeben.

Wo treten die Schäden typischerweise auf?

Die Schadenspunkte bei Holzbrücken folgen einem wiederkehrenden Muster. Drei Bereiche sind besonders gefährdet:

Der Eckbereich im Übergang vom Gehbelag zum Binder. Genau dort, wo der Bodenbelag auf die vertikale Binderfläche trifft, sammeln sich Ablagerungen. Diese Ecke ist konstruktionsbedingt schwer zugänglich und wird bei der Reinigung oft übersehen. Die Folge: dauerhafte Durchfeuchtung — und damit ideale Bedingungen für holzzerstörende Pilze.

Die Widerlagerpunkte. Hier, wo die Brücke auf dem Fundament aufliegt, ist der Abstand zur Seitenbinderfläche oft zu gering. Spritzwasser und aufsteigende Feuchtigkeit erreichen das Holz unmittelbar. Fehlt eine ausreichende Abdichtungshöhe durch die Blechkonstruktion, dringt Wasser ungehindert ein.

Der Brüstungsbereich unterhalb der Abdeckbretter. Abdeckungen schützen zwar die Oberkante, doch das Wasser läuft an der Unterseite entlang und sammelt sich dort, wo es nicht abtrocknen kann.

Pilzbefall: Wenn der Schaden sichtbar wird, ist er oft weit fortgeschritten

Bei der Untersuchung der Brücke im Heidekreis wurden Dauerporenschwämme der Gattung Perenniporia nachgewiesen. Diese Organismen verdienen besondere Aufmerksamkeit, denn sie fruktifizieren über Jahre hinweg an gut durchfeuchtetem Eichenholz und bauen die Holzsubstanz dabei kontinuierlich ab.

Ihr Erscheinungsbild ist unauffällig: Das Fruchtfleisch ist hell bis holzfarben, die Konsistenz korkartig, der Rand schmal bis wulstig und weiß gefärbt. Genau darin liegt eine Gefahr für den Laien — die Fruchtkörper werden leicht übersehen oder falsch eingeordnet. Verwechslungsgefahr besteht insbesondere mit dem Ausgebreiteten Hausporling (Donkioporia expansa), einem ebenfalls holzzerstörenden Pilz, der jedoch andere Befallsmuster aufweist.

Die korrekte Bestimmung der Schadorganismen ist kein akademisches Detail. Sie entscheidet über die Bewertung des Schadens, die erforderlichen Maßnahmen und letztlich über die Frage, ob eine Instandsetzung noch wirtschaftlich sinnvoll ist oder ein Neubau ansteht.

Die konstruktiven Ursachen: Was bei der Planung versäumt wurde

Die Untersuchung der Fußgängerbrücke offenbarte mehrere konstruktive Mängel, die den Schaden begünstigt oder sogar verursacht haben:

  • Zu geringer Abstand zur Seitenbinderfläche im Widerlagerbereich. Dadurch konnte Wasser nicht abfließen und stand dauerhaft am Holz an.
  • Fehlende Abgratung an der Leimbinderoberkante. Eine Abschrägung von mindestens 15 Grad hätte dafür gesorgt, dass Wasser seitlich abläuft, anstatt auf der Oberfläche stehen zu bleiben.
  • Fehlender Spritzwasserschutz. Gerade in Bodennähe ist ein wirksamer Schutz gegen aufprallendes Regenwasser unverzichtbar.
  • Unzureichende Abdichtungshöhe durch die Blechkonstruktion im Spritzwasserbereich. Das Blech reichte schlicht nicht hoch genug, um das Holz zu schützen.

Diese Punkte zeigen: Viele Schäden an Holzbrücken haben ihren Ursprung nicht im Material, sondern in der Detailplanung und Ausführung des konstruktiven Holzschutzes.

LESS — Die wichtigste Wartungsregel für Holzbrücken

Und damit kommen wir zu den vier Buchstaben, die im Titel dieses Beitrags stehen. LESS ist ein Akronym, das die Materialprüfanstalt Stuttgart (MPA Stuttgart) im Rahmen eines Forschungsprojektes zu Holzbrücken etabliert hat. Es steht für:

  • L — Laub
  • E — Erde
  • S — Schnee
  • S — Splitt

Diese vier Stoffe haben eines gemeinsam: Sie sammeln sich in den Eckbereichen, Fugen und Anschlusspunkten von Holzbrücken und halten dort die Feuchtigkeit dauerhaft im Holz. LESS-Ansammlungen sind der Haupttreiber für die Durchfeuchtung der konstruktiv ohnehin empfindlichen Eckbereiche im Übergang von Bodenbelag zu Binder. Und aus dieser Durchfeuchtung entwickeln sich die Nassfäuleschäden, die — einmal etabliert — die Tragfähigkeit der Konstruktion zerstören.

Die Erkenntnis ist so einfach wie wirkungsvoll: Wer LESS regelmäßig entfernt, verlängert die Lebensdauer seiner Holzbrücke erheblich.

Was Sie als Eigentümer oder Betreiber konkret tun können

Die gute Nachricht: Die wirksamste Maßnahme gegen vorzeitigen Verfall ist keine aufwendige Sanierung, sondern regelmäßige Pflege:

  • Regelmäßige LESS-Entfernung: Mindestens zweimal jährlich — im Spätherbst nach dem Laubfall und im Frühjahr nach der Schneeschmelze — sollten sämtliche Ablagerungen aus den Eckbereichen, Fugen und Anschlusspunkten entfernt werden.
  • Sichtprüfung der kritischen Bereiche: Kontrollieren Sie die Widerlagerpunkte, die Übergänge vom Gehbelag zum Binder und die Brüstungsbereiche. Achten Sie auf Verfärbungen, weiche Stellen oder pilzartige Beläge.
  • Entwässerung sicherstellen: Prüfen Sie, ob Wasser an allen Stellen abfließen kann. Verstopfte Entwässerungsöffnungen oder aufgestautes Wasser in Ecken sind ein Warnsignal.
  • Blechanschlüsse kontrollieren: Sind die Abdeckbleche noch intakt? Reichen sie hoch genug? Haben sich Spalte gebildet, durch die Wasser eindringen kann?
  • Frühzeitig einen Fachmann hinzuziehen: Wenn Sie bei der Sichtprüfung Auffälligkeiten feststellen — insbesondere weiche Holzbereiche oder Fruchtkörper — sollten Sie zeitnah eine qualifizierte Begutachtung veranlassen.

Die Brücke zu BauDenkPlan

Holzbrücken sind Ingenieurbauwerke, die denselben Gesetzmäßigkeiten unterliegen wie historische Holztragwerke in Gebäuden. Die Schadensbilder, die Pilzarten und die konstruktiven Schwachstellen sind in vielen Fällen identisch. Was bei der Fußgängerbrücke im Heidekreis die fehlende Abgratung am Leimbinder ist, ist beim Fachwerkhaus der ungeschützte Schwellenauflager — die Mechanismen gleichen sich.

BauDenkPlan bewertet den Zustand von Holzkonstruktionen — ob Brücke, Dachstuhl oder Fachwerktragwerk. Wir identifizieren Schadensursachen, bestimmen beteiligte Organismen und geben Ihnen eine fundierte Einschätzung, welche Maßnahmen erforderlich und wirtschaftlich sinnvoll sind.

Hinweis: Dieser Beitrag gibt einen praxisnahen Überblick und ersetzt keine Vor-Ort-Begutachtung. Jede Holzkonstruktion ist individuell — eine fundierte Einschätzung erfordert immer die Betrachtung des konkreten Einzelfalls durch einen qualifizierten Sachverständigen.

Quellen: Basierend auf dem Fachartikel „Gute Pflege erhöht Lebensdauer“ in mikado — Magazin für Holzbau und Ausbau, Ausgabe 11/2018. LESS-Konzept: MPA Stuttgart (Materialprüfanstalt), Forschungsprojekt Holzbrücken.

Robert Große

Über den Autor

Robert Große

Zimmermeister, Restaurator im Handwerk und öffentlich bestellter Sachverständiger für Holzschutz & Holzschäden (IHK Hannover). Über 300 Projekte im historischen Gebäudebestand, Fachautor in mikado und der bauschaden, eingeladener Referent beim Projekt Fachwerk5Eck.

Häufige Fragen zu Holzbrücken und LESS

Was bedeutet LESS bei Holzbrücken?

LESS ist ein Akronym der Materialprüfanstalt Stuttgart und steht für Laub, Erde, Schnee und Splitt. Diese vier Stoffe sammeln sich in Eckbereichen und Fugen von Holzbrücken, halten Feuchtigkeit dauerhaft im Holz und sind der Haupttreiber für Nassfäuleschäden.

Wo treten Schäden an Holzbrücken typischerweise auf?

Drei Bereiche sind besonders gefährdet: der Eckbereich im Übergang vom Gehbelag zum Binder, die Widerlagerpunkte und der Brüstungsbereich unterhalb der Abdeckbretter.

Wie oft sollte eine Holzbrücke gewartet werden?

Mindestens zweimal jährlich sollten LESS-Ablagerungen entfernt werden — im Spätherbst nach dem Laubfall und im Frühjahr nach der Schneeschmelze. Zusätzlich sollten Widerlagerpunkte, Blechanschlüsse und Entwässerung regelmäßig kontrolliert werden.

Was sind Dauerporenschwämme und warum sind sie gefährlich?

Dauerporenschwämme (Perenniporia spp.) sind Weißfäule verursachende Pilze, die über Jahre an durchfeuchtetem Holz fruktifizieren. Ihr unauffälliges Erscheinungsbild führt dazu, dass sie leicht übersehen oder mit dem Ausgebreiteten Hausporling verwechselt werden.

Was bedeutet Abgratung bei Holzbrücken?

Abgratung bezeichnet eine Abschrägung von mindestens 15 Grad an der Oberkante von Leimbindern. Sie sorgt dafür, dass Wasser seitlich abläuft statt auf der Oberfläche stehen zu bleiben. Fehlende Abgratung ist eine häufige konstruktive Ursache für Nassschäden.

Sie tragen Verantwortung für eine Holzbrücke oder Holzkonstruktion?

Im Erstgespräch klären wir gemeinsam, wie der aktuelle Zustand einzuschätzen ist und welche nächsten Schritte sich empfehlen.

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